Archiv der Kategorie: Allgemein

Stalking aus der Sicht der Opferberatung

Stalking ist Ende der 1980er Jahre allmählich in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt und meint das willentliche und beharrliche Verfolgen und Belästigen einer Person. Das englische Wort „to stalk“ bedeutet unter anderem heranpirschen, jagen. Stalking umfasst eine Vielzahl möglicher Handlungen, welche jede für sich allein genommen unter Umständen harmlos wären. Die Anzahl und die Dauer führen jedoch dazu, dass ein Stalking-Opfer unmittelbar in seiner psychischen Integrität verletzt wird. Nicht selten kommt zudem die Verletzung der physischen Integrität durch Ausübung von körperlicher Gewalt hinzu. Typische Stalking Handlungen sind Telefonanrufe, SMS, E-Mails, Verleumdungen, unerwünschte Geschenke, Ausfragen des Bekanntenkreises, Nachstellen und Verfolgen. Typische Folgen beim Opfer sind vegetative Symptome wie Unruhe, Kopfschmerzen, Angst, Schlafstörungen etc., aber auch depressive Verstimmungen und reaktive Verhaltensmuster wie Vermeidungsverhalten und soziale Isolation. Hinzu kommen oft körperliche Symptome wie Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und Kreislaufprobleme. 90 % der Opfer von Stalking sind weiblich und rund 85 % der Täter sind Männer, im Folgenden verzichten wir daher aus pragmatischen Gründen auf geschlechtsneutrale Formulierung. Zwar müssen Täter und Opfer sich nicht unbedingt kennen, oft sind jedoch Personen von Stalking betroffen, die eine Beziehung oder Ehe mit dem Täter beendet oder einen Beziehungswunsch des Täters zurückgewiesen haben. Viele Länder haben einen eigenen Straftatbestand „Stalking“, nicht jedoch die Schweiz. Entsprechende Bestrebungen wurden in jüngster Zeit wieder verworfen. Gegenstand eines Strafverfahrens bilden daher Tatbestände wie Missbrauch der Fernmeldeanlage, Drohung, Ehrverletzungsdelikte, Hausfriedensbruch, Nötigung. Durch das Zivilgericht kann dem Täter verboten werden, sich dem Opfer zu nähern oder es zu kontaktieren. Bei Zuwiderhandlung kann eine Strafe nach Art. 292 StGB verhängt werden.

In der Opferberatung treffen wir regelmässig auf Menschen, die durch Stalking in ihrer Lebensführung eingeschränkt und tief verängstigt sind. Neben Hilfestellungen im Straf- und Zivilverfahren und psychischer Stärkung des Opfers (durch Vermittlung von Informationen, einer Therapie oder eines Selbstverteidigungskurses) stehen im Beratungsalltag konkrete Verhaltenstipps im Vordergrund. Folgende Schritte sind wichtig, wenn man von Stalking betroffen ist:

  • Jeden Kontakt mit dem Stalker radikal abbrechen. Ein einziges Mal ruhig und vor Zeugen mitteilen, dass kein weiterer Kontakt erwünscht ist und dies dann konsequent einhalten.
  • Neue Telefonnummer / E-Mail-Adresse einrichten. Für die bisherige Nummer kann von der Telefongesellschaft eine Anrufliste (zu Beweiszwecken) verlangt werden.
  • Umfeld informieren, denn Öffentlichkeit schützt und verhindert, dass versehentlich Informationen über das Opfer oder dessen Alltag weitergegeben werden.
  • Alles dokumentieren, datieren und aufbewahren. Das kann für ein allfälliges Strafverfahren entscheidend sein.
  • Polizei und Opferberatungsstelle aufsuchen.

In der Opferhilfestatistik können wir Fälle von Stalking nicht separat ausweisen, weil wir die erfassten Tatbestände wie Drohung, Nötigung oder Körperverletzung statistisch nicht in einen Zusammenhang mit Stalking bringen können. Wie viele Fälle bei der Opferberatung auftreten, ist daher eine Schätzung. Wir gehen von monatlich zwei bis drei Fällen aus, die oft im Zusammenhang mit Häuslicher Gewalt stehen.
Das Eidgenössische Büro für Gleichstellung EBG hat vom Bundesamt für Justiz den Auftrag erhalten einen Forschungsbericht einzuholen. Dieser soll aufzeigen, welche erfolgreichen Massnahmen zur Bekämpfung von Stalking es bereits im In- und Ausland gibt. Der Bericht dürfte Ende 2016 vorliegen. Die Opferberatungsstelle des Kantons Schwyz ist in der Begleitgruppe des Forschungsteams.
Viele weitere Informationen zum Thema finden sich im Internet, beispielsweise auf der Seite der Schweizerischen Kriminalprävention (www.skppsc.ch) unter der Rubrik „Gewalt“, „Stalking“ und beim eidgenössischen Büro für Gleichstellung EBG (www.equality-office.ch; www.ebg.admin.ch/dokumentation, Informationsblatt 7 „Stalking: bedroht, belästig, verfolgt“).

Evelyne Marciante, Stellenleiterin und Beraterin Opferberatung Kanton Schwyz und Uri

Traumatische Erlebnisse und ihre Folgen insbesondere auf das Aussageverhalten der Betroffenen

Wer Furchtbares erlebt hat, leidet unter bestimmten vorhersehbaren psychischen Störungen. Die Traumaforschung hat gezeigt, dass diese Folgen bei allen Traumatisierten ähnlich sind – vom Vergewaltigungsopfer bis hin zum Kriegsveteran. Diese Forschungen haben dazu geführt, dass 1980 die Diagnose „posttraumatisches Syndrom“ in das offizielle Handbuch seelischer Erkrankungen aufgenommen wurde.

Durch traumatische Erfahrungen wird ein Mensch in extremer Weise Hilflosigkeit und Angst ausgesetzt; seine normalen Anpassungsstrategien werden überfordert, sein System zum Umgang mit Stress bricht zusammen.

Drei Symptom-Kategorien gehören typischerweise zur posttraumatischen Belastungsstörung:

  • Übererregung: ständiger Alarmzustand, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen etc.
  • Intrusion: ungewollt sich aufdrängende Erinnerungen und Gedanken an das traumatische Ereignis, Flashbacks, Träume etc.
  • Konstriktion: Verdrängung, Vermeidungsverhalten, psychische Erstarrung bis hin zu völliger Passivität etc.

Hinzu kommt im Allgemeinen ein Gefühl der Entfremdung, der Nichtzugehörigkeit zur Gesellschaft. Die bisherigen Wertvorstellungen wurden zerstört. Scham-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle sind bezeichnend. Häufig gehören auch heftige Wutanfälle dazu.
Von Dialektik eines Traumas spricht man, weil diese extremen Gefühle sich ständig abwechseln, der betroffene Mensch fällt „von einem Extrem ins andere“.

Hat ein Mensch viele traumatisierende Erlebnisse über einen längeren Zeitraum erlebt (Beispiel Kindesmissbrauch oder Gefangenschaft, lang andauernde schwere häusliche Gewalt), stehen Vermeidungs- und Rückzugsstrategien bis hin zur völligen Isolation im Vordergrund. Initiative ergreifen oder etwas planen sind nahezu unmöglich. Während langer Zeit waren nur die nächsten fünf Minuten planbar und Initiative bedeutete Gefahr. Chronische Hilflosigkeit und Passivität sind die Folge. Langanhaltende Depressionen sind das häufigste Symptom bei chronisch Traumatisierten.

Intrusive und konstriktive Symptome beeinflussen das Verhalten eines traumatisierten Menschen. Vielleicht wirkt er plötzlich verwirrt oder überfordert? Vielleicht erzählt er schreckliche Dinge mit einem Lächeln oder emotional völlig unberührt? Vielleicht habe ich als Aussenstehende plötzlich das Gefühl, der traumatisierte Mensch drifte ab, sei plötzlich in einer anderen Welt? Vielleicht erzählt er beim zweiten Gespräch nicht dasselbe wie beim ersten und beim dritten noch etwas Zusätzliches? Vielleicht reagiert er auf etwas was ich tue oder sage sehr ungewöhnlich? Vielleicht wird er plötzlich wütend auf mich ohne dass ich genau weiss, was vorgefallen ist? Vielleicht hält er wiederholt Termine nicht ein? Vielleicht hält er sich nicht an Abmachungen obwohl er sehr motiviert schien?

Alle diese Verhaltensweisen erscheinen in einem anderen Licht, wenn man die emotionale Erstarrung und Verdrängung einerseits, sowie die Flashbacks und das plötzliche Überrollen vom Trauma andererseits im Kopf behält.

Besonders wichtig ist die Erkenntnis, dass ein Trauma eine lineare Erzählweise verhindert und es geradezu in der Natur der Sache liegt, dass die Erinnerungen bruchstückhaft und teilweise verzerrt vorhanden sind. Das ist Folge der zu erwartenden konstriktiven Symptom. Plötzliche Flashbacks (intrusive Symptome) führen zu neu auftauchenden oder sich verändernden Erinnerungen. Einem Opfer wird immer noch viel zu schnell seine Glaubwürdigkeit aufgrund seines Aussageverhaltens abgesprochen, weil insbesondere in Strafverfolgerkreisen zu wenig Wissen über Trauma und seine Folgen vorhanden ist.

Esther Imholz, Opferberaterin SZ und UR, gestützt auf „Die Narben der Gewalt“ von Judith Herman

Auswertung der Fallstatistik 2007

  • Abweichungen sind bei den finanziellen Gesuchen festzustellen. Die Beratungsstelle bearbeitete mehr finanzielle Gesuche für Soforthilfe und weitere Hilfe (+12%).
  • Der Anteil der Delikte, die Häusliche Gewalt betreffen, sind wieder zurück gegangen auf die durchschnittlichen Zahlen von 2005 und 2004. Die Wegweisung aus der gemeinsamen Wohnung wurde von der Polizei noch nicht durchgesetzt. Wir haben deshalb noch mehr Notwohnungen und Frauenhausaufenthalte vermittelt (+27%).
  • Es sind erschreckend viele Kinder, die Opfer von sexueller Gewalt wurden, bei uns gemeldet. (+49%) Wir haben Eltern, Vormundschaft und Anwälte beraten. Das ist für alle sehr belastend.
  • Verkehrsunfälle sind, wie im Jahr 2006, wenige gemeldet und beraten worden.
  • Der Anteil an weiblichen Opfern, die sich bei uns beraten lassen, ist gestiegen (+5,5%). Ebenso der Anteil von Migrantinnen (+9%).

Bericht zur Statistik 2006

Die Beratungsstelle hat wie im Vorjahr annähernd 200 Fälle bearbeitet. Zusätzlich kamen 114 Kurzfälle hinzu, das heisst, einmalige Telefonate, Kurzberatungen und Meldungen der Polizei, Behörden oder anderen Beratungsstellen.

Ein grosser Teil der Fälle (142) waren Beratungen ohne finanzielle Hilfe der Opferhilfe. 54 Klientinnen und Klienten beanspruchten finanzielle Soforthilfen, die in Rechnung gestellt wurden. Die Zuweisungen der Hilfen sind erste juristische Hilfe (43) durch einen Anwalt oder Anwältin, medizinische Hilfe (4), therapeutische erste Hilfe (37), soziale Hilfe und Beratung (50), Schutz und Unterkunft (16) und Frauenhausaufenthalte (13), Massnahmen zum Schutz des Kindes (9), das heisst, Meldungen an die Kindesschutzgruppe oder Vormundschaft. Vermittelte Aussprachen gab es 10. Von den 196 Beratungen gab es 33 (16,8%) Beratungsfälle, bei denen Kinder und Jugendliche betroffen waren. Der Hauptteil der Klientinnen und Klienten waren zwischen 30 und 64 Jahre alt. 3⁄4 der Klientschaft ist weiblich, 60% haben einen Schweizer Pass.

Auffällig ist die 15%-ige Zunahme von Häuslicher Gewalt, von 80 auf 92 Beratungen. Dagegen haben die Strassenverkehrsopfer um die Hälfte abgenommen, von 20 auf 9 Fälle.

Was die Frau bei Gewalt in der Partnerschaft wissen muss

Hier bekommen sie Unterstützung und Beratung:

  • Sozialdienst der Gemeinde und Frauenberatungsstellen
  • Opferberatungsstelle des Kantons
  • Polizei, Tel. 117
  • Frauenhäuser, 24 Std. tel. Beratung (Frauenhaus Luzern: Tel. 041 360 70 00)
  • Die dargebotene Hand Tel. 142, 24 Std. tel. Beratung (alle Adressen und Telefonnummern erhalten sie unter dieser Nummer)

Grundsätzlich gilt: „ wer schlägt – der geht“, zögern sie nicht bei Gefahr die Polizei, Tel. 117, zu holen.

Falls der Gewaltausübende verhindert, dass sie zum Telefon gehen, vereinbaren sie mit einer vertrauensvollen Nachbarin/Nachbar ein Zeichen, damit diese die Polizei holen kann.

Suchen sie, bevor es akut wird, eine Beratungsstelle auf.

Wenn sie sich entschliessen, die gemeinsame Wohnung zu verlassen:

Der Schutz und die Sicherheit der Frau und der Kinder sind das Wichtigste. Suchen sie Unterschlupf bei einer Nachbarin oder Freundin, melden sie sich bei einer Opferberatungsstelle oder beim Frauenhaus.

Gewalt ist nie gerechtfertig, egal was vorgefallen ist. Schützen sie sich und die Kinder, rufen sie die Polizei an. Schildern sie kurz die Situation. Packen sie das Nötigste für sie und ihre Kinder. Denken sie an Gegenstände des persönlichen Gebrauchs und an das Lieblingstier der Kinder. Nehmen sie unbedingt die wichtigsten Dokumente für sie und ihre Kinder mit: Ausländerausweis, Aufenthaltsbewilligung, ID, Krankenkassenausweise, etc.. Informieren sie höchstens eine gute Freundin von ihrem Vorhaben. Sagen sie nicht, wohin sie gehen. Lassen sie keine Notizen oder Telefonnummern liegen.

Das sind ihre Rechte:

Hilfe holen: sie dürfen die Polizei holen. Diese kann ihren Partner bis zu 48 Stunden in Haft nehmen. In dieser Zeit suchen sie eine Opferberatungsstelle auf, an Wochenenden wenden sie sich an ein Frauenhaus.

Strafanzeige: Sie können jederzeit Strafanzeige erstatten. Häusliche Gewalt ist seit Anfang 2004 ein Offizialdelikt. Gewalt lässt sich nicht rechtfertigen, wer schlägt ist nie im Recht!

Trennung: Sie können beim Gericht ihres Bezirks Eheschutz beantragen. Dort verlangen sie dringende Massnahmen. So zum Beispiel, dass ihr Partner sofort die gemeinsame Wohnung verlässt, dass ihre Kinder unter ihrer alleinigen Obhut bleiben und dass die Unterhaltsbeiträge festgelegt werden.

Verletzungen: Suchen sie unbedingt einen Arzt auf, der die Verletzungen bestätigt.

Kinder: wenn sie von Gewalt bedroht werden, dürfen sie jederzeit und ohne Voranmeldung die gemeinsame Wohnung mit ihren Kindern verlassen und sich und die Kinder in Sicherheit bringen. Kinder, die miterleben müssen, wie die Mutter vom Vater bedroht, geschlagen, gestossen oder getreten wird, sind in ihrem Wohl gefährdet. Sie dürfen die Kinder mitnehmen, auch wenn sie den Vater-Kinderkontakt einschränken. Das Wohl und der Schutz der Kinder gehen hier vor!

Links: www.frauenhaus-luzern.ch

Selbstverteidigung für Frauen: www.wendo.ch, www.pallas.ch

Gedanken und Gefühle der Opfer

75 % der misshandelten Kindern sind unter 10 Jahre alt. Sexuelle Übergriffe geschehen tagtäglich.

Schock
Hilflos
Hoffnungslos
Ratlos
Lebensknick
Verlust – Angst
Lebensangst
Ins Bodenlose fallen
Verletzt sein
Selbstmitleid

B e t r o f f e n h e i t

Selbstaufgabe
Verwirrt – Irritiert
lustlos – freudlos
Schmerzen
Atemlos – Atemnot
Weinen – Schreien
einsam – allein
Traumatische Bilder
Ringen um Beherrschung
Sich selbst nicht mehr spüren

Alle 22 Minuten passiert ein Verkehrsunfall auf Schweizer Strassen. Im Jahr 2003 endeten davon 499 tödlich.
Jedes zweite Opfer kennt den Täter oder die Täterin, weil er oder sie ein Familienmitglied ist.

Unsicherheit
schwanken
Trauer
Umgebung wieder wahrnehmen
Hilfsangebote
Gesteuert sein
Verlustangst
Alltag
Atmen
Hoffnung

E r s t e S c h r i t t e h e r a u s

Kurzfristig Planungen
Erfolg – Misserfolg
Ängste
Festhalten – nicht fallen
Verdrängen
Nicht wahr haben wollen
Zurückgeben
Wut
Auseinandersetzung mit der Opferrolle
Ablehnen – Annehmen

Jede 5. Frau in der Schweiz ist einmal im Leben von Gewalt betroffen. Jährlich sind es gegen 100’000 Frauen.
Häusliche Gewalt hat innert zwei Jahren um 9% Prozent zugenommen. Seit dem 1. April 2004 ist es ein Offizialdelikt.

Trauer
Verblassende Bilder
Reden
Suchen – Finden
Stark werden
Aushalten
Rückschläge ertragen
Gute Momente
Lichtblicke
Annehmen

V e r a r b e i t u n g

Akzeptieren
Verbessern
Selbstwahrnehmung
Schmerzen ertragen
Alltag – Zukunftsplanung
Mit der Verletzung leben
Normalität – Realität
Wunden heilen lassen
Aufarbeiten
Aus der Operrolle finden

In jeder dritten Partnerschaft kommt es mindestens einmal zu Gewalt. Zu 84% sind Frauen betroffen.
35% der Opfer sind männlich. Am häufigsten sind Körperverletzungen, gefolgt von Verkehrsunfällen.

Neue Perspektiven
Fuss fassen
Therapie abschliessen
Vertrauen – Selbstvertrauen
Selbstsicherheit
Lachen
Vergessen
Zurücklassen
Rückschläge – Erfolge
Selbstbestimmung

N o r m a l i t ä t

Alltag
Abschliessen
Damit leben lernen
Freude am Leben
Freunde – Familie
Unterstützt werden
Loslassen
Opferrolle ganz ablegen
Neubeginn
Zufriedenheit

Unsere Opferhilfestelle agiert seit 4 Jahren erfolgreich und hat in dieser Zeit über 500 Menschen beraten.

Jahresbericht 2004 der Opferberatungsstelle Kanton Schwyz zum Thema häusliche Gewalt

Im Jahr 2004 ist bei der Opferhilfeberatungsstelle im Kanton Schwyz im Bereich Häusliche Gewalt eine 37%-Zunahme gegenüber dem Vorjahr (2003/66,2004/91) zu verzeichnen, ähnlich wie bei der Polizei.

Die Kampagne der Polizeidirektionen

Die Polizei hat viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben, ebenso die Opferhilfeberatungsstelle. Die Schwyzer Presse berichtete mehrere Male darüber. Die Polizei handelt. Es wird nicht mehr vermittelt und vertröstet. Gewalt in der Familie ist nicht Privatsache. Mit der Offizialisierung wird ein Strafverfahren eingeleitet. Die Opfer, meist Frauen, erhalten neben der polizeilichen Hilfe unsere Adresse. Bei schwerer Gewalt, wie Körperverletzung, wird Haft angeordnet. In anderen Fällen wird der Aggressor aufgefordert, sich aus der Konfliktsituation zu entfernen. Den Gewaltausübenden wird klar gemacht, dass Gewalt in jeglicher Form eine Straftat ist und nicht geduldet wird. Wiederholte und schwere Gewalt wird als Offizialdelikt eingestuft.

Die Gewaltausübenden werden aus dem Familiensystem genommen. Die Opfer, Erwachsene, wie auch Kinder, können in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Das ist eine Erleichterung für die Opfer. Sie werden gestärkt und sind dadurch handlungsfähiger.

Die Situation der Opfer hat sich verbessert

Die Opfer wenden sich viel früher an die Beratungsstelle, da nun offensichtlich Häusliche Gewalt von der Polizei geahndet wird. Ausserdem werden sie von den verschiedenen Fachpersonen dazu motiviert, nach aussen zu treten.

Die Polizei gewährt den Schutz der Opfer, die Opferberatungsstelle kann die Betroffenen beraten. Vermehrt können die Opfer und ihre Kinder in der gewohnten Umgebung bleiben. Obwohl mehr Klienten häuslicher Gewalt beraten wurden, nahm die Platzierung in Notwohnung und Frauenhaus nicht zu. Die Beraterin kann die Opfer in eine entsprechende Handlungsfähigkeit begleiten und ihnen so helfen, aus der Gewaltspirale auszusteigen.

Strafverfahren und Eheschutz

Erfreulicherweise ist festzustellen, dass in schwerwiegenden Fällen sofort superprovisorischer Eheschutz (Bezirksgericht) und Rayonverbote (Bezirksamt) ausgesprochen werden. In früheren Jahren wurden sie oft abgewiesen.

Was allerdings bleibt, ist eine aufwändige Gesuchsstellung bei zwei verschiedenen Behörden, dem Bezirksamt und dem Bezirksgericht. Die Anforderungen an die Straftatbestände sind sehr hoch. In der oftmals sehr kurzen Zeit müssen Arztzeugnisse und Zeugenaussagen bereit stehen. Für das Opfer ist zum Beispiel eine Drohung schwerwiegender und beängstigender, kann aber kaum ewiesen werden.

Offizialdelikt

Wenn wiederholt Gewalt ausgeübt wird, Tätlichkeit, Drohung oder Körperverletzung, sichtbare Spuren, Würgen, Verletzungen vorliegen, wird das als Offizialdelikt eingestuft. Die Opfer müssen nicht selbst Anzeige erstatten. Das Verfahren läuft von Amtes wegen. Das wirkt meist schon abschreckend auf die Gewaltausübenden. 6 Monaten lang wird genauestens auf weitere Gewaltvorkommen geachtet. Erst dann wird ein Urteil gefällt. Der gewaltausübende hat also die Chance sich wohl zu verhalten. Sofern die Frau auf einer Verurteilung besteht kann auch bei Wohlverhalten eine Strafe ausgesprochen werden. Das ist ein Damoklesschwert und zeigt Wirkung.

Gewaltausübende, die jahrelang schlagen, die Schlagen als ihr Recht ansehen, können sich nicht 6 Monate zurückhalten. Sie drohen, verlangen von der Frau, dass sie ihre Aussage zurück zieht, werden wieder straffällig. In diesen Fällen und bei schwerer Körperverletzung, kann das Verfahren nicht eingestellt werden. In der Handhabung der Offizialisierung stellt die Beratungsstelle fest, dass oft nach einem halben Jahr die ersten Regelungen getroffen wurden. Der Eheschutz besteht, die Trennung läuft, das Kinderbesuchsrecht wurde geregelt, die Obhut und die Wohnung ist zugeteilt, Massnahmen, wie Alkoholentzug, Therapie, etc. wurden eingeleitet, oder die Partner leben wieder zusammen und gehen in eine Eheberatung. In diesen Fällen wünschen beide Parteien eine Einstellung des Verfahrens. Die Untersuchungsrichter vergewissern sich in einer Sühneverhandlung, dass keine weiteren Straftaten folgen, die Gewaltbetroffenen möchten eine Einstellung des Verfahrens. Dann stellen die Richter das Verfahren mit dem Einverständnis aller provisorisch ein. Bei neuen Vorfällen kann das Strafverfahren wieder aktiviert werden.

Da das Verfahren neu ist, müssen Erfahrungen gesammelt werden. Polizei, Untersuchungsrichter und andere Stellen, sind auf einen „Runden Tisch“ angewiesen, um die Erfahrungen auszuwerten und Massnahmen und Hilfen zu verbessern. Ein „Runder Tisch Häusliche Gewalt“ ist dringend notwendig.

Durch die Kampagne Häusliche Gewalt und die Offizialisierung des Delikts ist die Öffentlichkeit sensibler. Es melden sich nun öfters Nachbarn, Bekannte, Verwandte und Sozialstellen, die sich vorgängig erkunden, wie sie Hilfe anbieten können.

Migrantinnen

Der prozentuale Anteil Migrantinnen (67) – Schweizer Bürgerinnen (135) – ist ähnlich wie in den Vorjahren. Allerdings ist der Beratungsaufwand und die Dauer bei den Migrantinnen unverändert grösser. Selbstständigkeit, Abhängigkeit, Sprachprobleme, Papierbeschaffung, soziale Isolation, kulturelle Barrieren, Aufenthaltsbewilligung, Mehrfachprobleme am Arbeitsplatz, im Familiensystem und in der Persönlichkeit benötigen längere Beratung und zusätzliche Anstrengungen aller. Die Häusliche Gewalt ist „nur“ Teil der Probleme, die sich die Frauen stellen müssen. Es braucht eine grössere und intensivere Vernetzung mit anderen Stellen. Die Frauen sind oft ein bis zwei Jahre in der Beratung bei der Opferhilfe und bei anderen Stellen.

Die grosse Zunahme der Fälle im Bereich Häuslicher Gewalt hat die Polizei und die Opferberatungsstelle gut aufgefangen. Auf längere Sicht und gleichbleibend höherer Fallzahl müssten aber weitere Ressourcen erschlossen werden werden.

Die angegebenen Zahlen beziehen sich auf die Statistik der Opferberatungsstelle Kanton Schwyz aus den Jahren 2003 und 2004.

Jahresbericht 2003

Unser Anliegen – Zufriedene Klienten

Positive Rückmeldungen

Unsere Arbeit wird von den Klienten geschätzt. Wir erhalten viele positive Rückmeldungen. Sie bedanken sich für die erhaltene Hilfe, berichten über einen guten Therapieverlauf oder melden, dass alle Stellen gut zusammen gearbeitet haben, so dass sie mit der Aufarbeitung des Geschehenen beginnen konnten. In der Begleitung übernehmen die Klienten immer stärker wieder ihre Selbstbestimmung, was für uns ein gutes Zeichen der professionelle Hilfe ist. Das freut uns sehr und gibt Kraft, uns weiterhin voll einzusetzen. Die Rückmeldung, was nicht gut gelaufen ist, was gefehlt hat, ist uns sehr wichtig, um die Hilfe optimieren zu können. Schwachstellen werden erkannt und verbessert.

Diese Wertschätzung der Klienten ist nicht selbstverständlich. Sie sind das Resultat einer nach den Bedürfnissen der Opfer ausgerichteten, professionellen Beratung:

  • Bei Gefährdung wird in kurzen Intervallen telefonisch nachgefragt.
  • In jedem Gespräch, telefonisch oder persönlich, wird die Befindlichkeit der Opfer überprüft und allenfalls die Hilfeleistungen angepasst.
  • Nach jedem Gespräch und beim Abschluss der Beratung wird nach der Klientenzufriedenheit gefragt und im Protokoll festgehalten.
  • Nach Abschluss des Falles werden die Klienten angefragt, ob noch offene Fragen sind und ob die Akten abgeschlossen werden können.

Fingerspitzengefühl ist gefragt

Empathie und Sympathie sind bei der psychologischen Hilfe und Beratung sehr wichtig. Nicht jedes Opfer fühlt sich bei uns gut verstanden. Dies trifft vor allem auf einen Kliententypus zu, der schon auf vielen Stellen war und noch nie seiner Erwartungen und Vorstellungen nach Hilfe erhalten hat. Oft kann eine Opfersituation zu einer weiteren Verengung der Sichtweise führen, so dass das Opfer mit allen Stellen Differenzen hat. In solch einem Fall versucht die Beraterin, dem Opfer eine andere Sichtweise aufzuzeigen: Von der Perspektive der Rache und Strafe weg auf einen Weg, der aus der Opfersituation hinausführt.

Drei bis vier Fälle pro Jahr verlangen von den Beraterinnen und Beratern viel Fingerspitzengefühl und eine ausgesprochen hohe Geduld. Sei es, weil die Klienten sehr schwierig sind, oder die Situation, die durch die Straftat verursacht wurde, sehr schwer aufzufangen ist. Da wir im Team arbeiten, können sich die Berater und Beraterinnen gegenseitig entlasten, wenn sie an ihre Grenzen stossen.

Vernetzung mit anderen Stellen

Damit der Klient bestmöglich betreut wird, müssen die verschiedenen Stellen untereinander gut kommunizieren und sich voneinander klar abgrenzen. Die optimale Hilfe verlangt von den Behörden, Beamtinnen, Polizisten, Sozialberaterinnen, Frauenhäuser, Verhöramt und Richter, dass sie Hand in Hand arbeiten. So kann das Opfer im Leben möglichst bald wieder Tritt fassen kann.

In den vier Jahren unserer Arbeit hat sich vieles zum Vorteil der Opfer und seinen Angehörigen verändert, weil die Beratung und die Vernetzung im Kanton Schwyz eine hohe Qualität aufweist. Alle Berater verfügen über ausgesprochen viel Wissen über Zusammenhänge und Adressen, wo weitere Hilfe geholt werden kann. Dies in allen Bereichen der Opferhilfe. Zudem sind neue Sozialstellen geschaffen und professionalisiert worden und die Opferrechte werden besser beachtet und durchgesetzt. Die Vernetzung der Opferhilfe mit allen Stellen im Kanton ist sehr gut und trägt viel zu unserer Klientenzufriedenheit bei.

Wunsch

Gerade im Bereich der Soforthilfe sind wir sehr schnell und effizient. Das Opfer erhält rasche und unkompliziert Schutz und Nothilfe. Möglich ist dies einerseits durch die Gesetzgebung, die ausgesprochen fortschrittlich ist, anderseits durch den Kanton, der viel zur Umsetzung beiträgt.
Das Opferhilfegesetz wird nun revidiert. Es ist zu hoffen, dass nicht aus Spargründen wichtige Hilfen gestrichen werden.
Wie in anderen Sozialbereichen, IV und Sozialhilfe ist der Schwerpunkt in die Soforthilfe und Unterstützung zu legen, um den Klienten nicht ‚künstlich’ in eine langen Abhängigkeit zu bringen.

Auszug aus der Statistik 2003
200120022003
Beratungen
Eingegangene Meldungen212246268
Beratungen der Opferhilfe131126154
Beratungen der Vorjahre523940
Abgeschlossene Fälle60128118
Kinder311522
Jugendliche343032
Frauen113165161
Männer839175
CH Frauen76102108
Ausl. Frauen375957
CH Männer484352
Ausl. Männer353239
    in %    in %    in %
Art der Straftaten
Strassenverkehrsunfälle3319%2314%2613%
Körperverletzung/Gewalt3820%3420,5 %4021%
Häusliche Gewalt4225%5432,5 %6634%
Sex. Handlungen mit Kindern2917%2414,5 %2513%
Sexualdelikte63%95,5 %84%
Übrige2216%2113%2915%
Vermittelte Hilfe
Juristische667976
Ärztliche81022
Therapeutische265867
Soziale264142
Materielle161119
Schutz und Unterkunft164526
Frauenhausaufenthalte/Fam.1376
Schutz des Kindes142124