Jahresbericht 2004 der Opferberatungsstelle Kanton Schwyz zum Thema häusliche Gewalt

Im Jahr 2004 ist bei der Opferhilfeberatungsstelle im Kanton Schwyz im Bereich Häusliche Gewalt eine 37%-Zunahme gegenüber dem Vorjahr (2003/66,2004/91) zu verzeichnen, ähnlich wie bei der Polizei.

Die Kampagne der Polizeidirektionen

Die Polizei hat viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben, ebenso die Opferhilfeberatungsstelle. Die Schwyzer Presse berichtete mehrere Male darüber. Die Polizei handelt. Es wird nicht mehr vermittelt und vertröstet. Gewalt in der Familie ist nicht Privatsache. Mit der Offizialisierung wird ein Strafverfahren eingeleitet. Die Opfer, meist Frauen, erhalten neben der polizeilichen Hilfe unsere Adresse. Bei schwerer Gewalt, wie Körperverletzung, wird Haft angeordnet. In anderen Fällen wird der Aggressor aufgefordert, sich aus der Konfliktsituation zu entfernen. Den Gewaltausübenden wird klar gemacht, dass Gewalt in jeglicher Form eine Straftat ist und nicht geduldet wird. Wiederholte und schwere Gewalt wird als Offizialdelikt eingestuft.

Die Gewaltausübenden werden aus dem Familiensystem genommen. Die Opfer, Erwachsene, wie auch Kinder, können in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Das ist eine Erleichterung für die Opfer. Sie werden gestärkt und sind dadurch handlungsfähiger.

Die Situation der Opfer hat sich verbessert

Die Opfer wenden sich viel früher an die Beratungsstelle, da nun offensichtlich Häusliche Gewalt von der Polizei geahndet wird. Ausserdem werden sie von den verschiedenen Fachpersonen dazu motiviert, nach aussen zu treten.

Die Polizei gewährt den Schutz der Opfer, die Opferberatungsstelle kann die Betroffenen beraten. Vermehrt können die Opfer und ihre Kinder in der gewohnten Umgebung bleiben. Obwohl mehr Klienten häuslicher Gewalt beraten wurden, nahm die Platzierung in Notwohnung und Frauenhaus nicht zu. Die Beraterin kann die Opfer in eine entsprechende Handlungsfähigkeit begleiten und ihnen so helfen, aus der Gewaltspirale auszusteigen.

Strafverfahren und Eheschutz

Erfreulicherweise ist festzustellen, dass in schwerwiegenden Fällen sofort superprovisorischer Eheschutz (Bezirksgericht) und Rayonverbote (Bezirksamt) ausgesprochen werden. In früheren Jahren wurden sie oft abgewiesen.

Was allerdings bleibt, ist eine aufwändige Gesuchsstellung bei zwei verschiedenen Behörden, dem Bezirksamt und dem Bezirksgericht. Die Anforderungen an die Straftatbestände sind sehr hoch. In der oftmals sehr kurzen Zeit müssen Arztzeugnisse und Zeugenaussagen bereit stehen. Für das Opfer ist zum Beispiel eine Drohung schwerwiegender und beängstigender, kann aber kaum ewiesen werden.

Offizialdelikt

Wenn wiederholt Gewalt ausgeübt wird, Tätlichkeit, Drohung oder Körperverletzung, sichtbare Spuren, Würgen, Verletzungen vorliegen, wird das als Offizialdelikt eingestuft. Die Opfer müssen nicht selbst Anzeige erstatten. Das Verfahren läuft von Amtes wegen. Das wirkt meist schon abschreckend auf die Gewaltausübenden. 6 Monaten lang wird genauestens auf weitere Gewaltvorkommen geachtet. Erst dann wird ein Urteil gefällt. Der gewaltausübende hat also die Chance sich wohl zu verhalten. Sofern die Frau auf einer Verurteilung besteht kann auch bei Wohlverhalten eine Strafe ausgesprochen werden. Das ist ein Damoklesschwert und zeigt Wirkung.

Gewaltausübende, die jahrelang schlagen, die Schlagen als ihr Recht ansehen, können sich nicht 6 Monate zurückhalten. Sie drohen, verlangen von der Frau, dass sie ihre Aussage zurück zieht, werden wieder straffällig. In diesen Fällen und bei schwerer Körperverletzung, kann das Verfahren nicht eingestellt werden. In der Handhabung der Offizialisierung stellt die Beratungsstelle fest, dass oft nach einem halben Jahr die ersten Regelungen getroffen wurden. Der Eheschutz besteht, die Trennung läuft, das Kinderbesuchsrecht wurde geregelt, die Obhut und die Wohnung ist zugeteilt, Massnahmen, wie Alkoholentzug, Therapie, etc. wurden eingeleitet, oder die Partner leben wieder zusammen und gehen in eine Eheberatung. In diesen Fällen wünschen beide Parteien eine Einstellung des Verfahrens. Die Untersuchungsrichter vergewissern sich in einer Sühneverhandlung, dass keine weiteren Straftaten folgen, die Gewaltbetroffenen möchten eine Einstellung des Verfahrens. Dann stellen die Richter das Verfahren mit dem Einverständnis aller provisorisch ein. Bei neuen Vorfällen kann das Strafverfahren wieder aktiviert werden.

Da das Verfahren neu ist, müssen Erfahrungen gesammelt werden. Polizei, Untersuchungsrichter und andere Stellen, sind auf einen „Runden Tisch“ angewiesen, um die Erfahrungen auszuwerten und Massnahmen und Hilfen zu verbessern. Ein „Runder Tisch Häusliche Gewalt“ ist dringend notwendig.

Durch die Kampagne Häusliche Gewalt und die Offizialisierung des Delikts ist die Öffentlichkeit sensibler. Es melden sich nun öfters Nachbarn, Bekannte, Verwandte und Sozialstellen, die sich vorgängig erkunden, wie sie Hilfe anbieten können.

Migrantinnen

Der prozentuale Anteil Migrantinnen (67) – Schweizer Bürgerinnen (135) – ist ähnlich wie in den Vorjahren. Allerdings ist der Beratungsaufwand und die Dauer bei den Migrantinnen unverändert grösser. Selbstständigkeit, Abhängigkeit, Sprachprobleme, Papierbeschaffung, soziale Isolation, kulturelle Barrieren, Aufenthaltsbewilligung, Mehrfachprobleme am Arbeitsplatz, im Familiensystem und in der Persönlichkeit benötigen längere Beratung und zusätzliche Anstrengungen aller. Die Häusliche Gewalt ist „nur“ Teil der Probleme, die sich die Frauen stellen müssen. Es braucht eine grössere und intensivere Vernetzung mit anderen Stellen. Die Frauen sind oft ein bis zwei Jahre in der Beratung bei der Opferhilfe und bei anderen Stellen.

Die grosse Zunahme der Fälle im Bereich Häuslicher Gewalt hat die Polizei und die Opferberatungsstelle gut aufgefangen. Auf längere Sicht und gleichbleibend höherer Fallzahl müssten aber weitere Ressourcen erschlossen werden werden.

Die angegebenen Zahlen beziehen sich auf die Statistik der Opferberatungsstelle Kanton Schwyz aus den Jahren 2003 und 2004.

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